Spielberg der Literatur

Es ist eine kleine Sensation: Der erste Roman des erfolgreichsten Schweizer Schriftstellers, Joël Dicker, wird zur 10-teiligen Hollywood-Serie. Was hat Dicker, was andere nicht haben?

Von Benjamin Bögli

Selbst Martin Suter, der andere Schweizer Autor, der regelmässig auch im Ausland eine breite Leserschaft erreicht, kann von einem solchen Erfolg nur träumen. Dickers sensationeller Durchbruch-Roman «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert» (2012) verkaufte sich über drei Millionen-mal. Jetzt hat es die Geschichte nach Hollywood geschafft. Regielegende Jean-Jacques Annaud («Seven Years in Tibet») macht daraus eine 10-teilige Serie mit Patrick Dempsey in einer Hauptrolle.

Schriftsteller Dicker an den Dreharbeiten der «Harry Quebert»-Serie in den USA, August 2017. (Bild: Joël Dicker)

Woran liegt das? Was hat der 31-jährige Roger-Federer-Bewunderer Dicker, was andere Schweizer Schriftsteller nicht haben?

Gefühl von grossem Kino

Möglicherweise ist das Phänomen Joël Dicker einfacher zu erklären, als man denkt.

  • Es ist eine Frage der Mentalität, also der Geisteshaltung des Schriftstellers gegenüber seiner Arbeit.

Viele Autoren betreiben hierzulande eine Art Kleingartenkultur: Sie versuchen, ihre literarische Ambition auf kleinstem Raum zum Blühen zu bringen. Das Ergebnis sind oft um die 200-seitige, Detail-gewaltige, eher schwerverdauliche Individual-Berichte. Die mögen zwar manchmal originell und präzise sein, für eine spektakuläre erzählerische Entfaltung ist der Radius aber zu eng. Hätten Architekten diesen Vorgang zu beurteilen, würden sie wohl von «verdichtetem Bauen» sprechen, das dem hiesigen Zeitgeist entspricht.

Joël Dicker macht das Gegenteil.

  • Er räumt seinen Romanen allen Platz der Welt ein; er ist mutig und glaubt an seine Geschichten. Seine Bücher sind dick. «Harry Quebert» umfasst mehr als 700 Seiten, das neuere, die «Geschichte der Baltimores» (2015), ist über 500 Seiten lang.
  • Seine Geschichten spielen in Amerika – in New England, Baltimore, Nashville, New York oder Florida und nicht am Bodensee, in der Zürcher Altstadt im Berner Oberland oder in der eigenen Waschküche.
  • Dickers Romane entfachen ein Gefühl von grossem Kino. Er ist so etwas wie der Steven Spielberg der Literatur. Die «Baltimores» sind eine Art «Goonies» für Erwachsene.
  • Dicker gibt berührende und intelligente Inhalte dünkellos mit einer gewissen Leichtigkeit und so unterhaltsam wie möglich wieder. Seine Sprache ist solide und mehr Mittel zum Zweck als Kunstform. Sie könnte gepflegter, der Wortschatz reicher sein. (Diese Schwäche ist zumindest in der deutschen Übersetzung spürbar.)
  • Im Vordergrund steht die Lust, eine grosse Geschichte mit allen dramaturgischen Tricks zu erzählen; sie also so spannend wie möglich zu konstruieren.
  • Die Themen und Figuren haben eine allgemeine Relevanz. Jede Leserin, jeder Leser findet bei Dicker etwas zum Mitfiebern. In seinen Büchern geht es um Geheimnisse, Familie, Jugend, Eifersucht, Alter, Ruhm, Liebe, Schriftstellerei, Freundschaft, Tod und Verbrechen.

Das Weiterlesen wird zum lustvollen Zwang

«Die Geschichte der Baltimores», Dickers jüngster Roman, ist eine dramatische Familiensaga, die im Kern rund dreissig Jahre umspannt. Wie bereits der Vorgänger, «Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert», legt man auch dieses Buch nicht so schnell wieder zur Seite. Dicker erzählt aus der Sicht der Hauptfigur: Ein erfolgreicher Schriftsteller blickt auf seine Jugend(-Liebe) zurück und beschreibt die damit verbundenen Verstrickungen, die sein aktuelles Leben bestimmen.

Hier liegt das Geheimnis des unwiderstehlichen Sogs, den der Romancier in seinen Geschichten entwickelt. Während des Lesens öffnet sich die vergangene Welt des eigenen Erwachsenwerdens. Fast magisch verschmilzt dadurch das Selbsterlebte und Dickers spielerischer Fiktion ineinander. Das Weiterlesen wird so wie bei einem Kriminalroman zum lustvollen Zwang.

Zum Glück ist nicht schon nach 200 Seiten Schluss.

Bücher von Joël Dicker:
«Die Geschichte der Baltimores». Piper. 512 Seiten, Fr. 27.90;
«Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert». Piper 736 Seiten, Fr. 31.90

Die Dreharbeiten zur «Harry Quebert»-Serie finden derzeit in Amerika statt.