Schafft die
Männer-Umarmung ab!

Früher war die Begrüssung zwischen Männern einfach. Heute ist sie ein Minenfeld der Peinlichkeiten.

(Wir finden diese Kolumne von Matthew Bell aus dem «Spectator» so gut, dass wir sie gleich für Euch übersetzt haben.)

Wenn man auf der Strasse einen Kumpel traf, wusste man, was zu tun war: Man gab sich ganz einfach die Hand. Heute ist das anders. Schuld daran ist die Männer-Umarmung.

Das Händeschütteln, einst einfacher Ausdruck der Höflichkeit, erscheint heute als steif und überformell. Es ist absurd geworden, dem Vater oder dem besten Freund bloss die Hand zu schütteln. Man könnte gerade so gut auch sagen: «Ich mag dich nicht.» Es braucht mehr: Auf die Schulter klopfen, ein kurzer Griff an den Oberarm, möglicherweise gar eine Umarmung.

Kennt man sich hingegen weniger gut, ist eine solche Intimität lächerlich. Sie wirkt gekünstelt.

Wie Grayson Perry in seinem Buch «The Decent of Man» schreibt, befindet sich die Männlichkeit seit Jahren in einer Krise. Wir sind soweit, dass wir nicht mal mehr wissen, wie wir uns begrüssen sollen.

Muss ich jetzt küssen?

Bezeichnend dafür war eine Situation, die ich vor ein paar Tagen erlebte. Ein bekannter Fernsehmann kam auf einen Drink zu uns. Er ist ein alter Freund meiner Frau, aber ich war ihm noch nie begegnet.

Als er in die Wohnung eintrat, entstand ein Moment des Unbehagens, weil ich meinen Kopf zu ihm vorbeugte, da ich dachte, er wolle mir einen Wangenkuss geben. Ich weiss nicht genau, weshalb. Irgendwie dachte ich, ich kenne ihn, weil ich ihn so oft im Fernsehen sah. Zudem hatte er meine Frau überschwänglich geküsst. In meiner Verwirrung, dachte ich, es gehöre zum Protokoll. Gehörte es nicht und ich schaffte in letzter Sekunde ein Ausweichmanöver.

Schliesslich gaben wir uns die Hand.

Ich verbrachte einige Zeit in Italien, wo es in einigen Gegenden für Männer normal ist sich auf die Wange zu küssen. Ich ertappte mich ein paarmal dabei, wie ich bei Begrüssungen automatisch zurückwich, bis ich mich daran gewöhnt hatte.

Entscheidungen in Sekundenbruchteilen

Ähnliche Peinlichkeiten erlebe ich auch sonst, normalerweise wenn ich jemand unter 30 treffe. Also die Millenials, die mit «Skins» und «Glee» aufgewachsen sind. Sie verstehen es nicht, dass man so aufgeblasen sein kann, jemandem die Hand zu geben. Wenn man dies trotzdem versucht, amüsiert sie das oder sie ignorieren die Hand und gehen gleich zur Umarmung über.

Das heisst also: Wenn man heute jemandem begegnet, muss man Fähig sein, in Sekundenbruchteilen die Lage richtig einzuschätzen: Alter? Wie gut kennt man sich? Wichtige Person? Hat man Körpergeruch? So viele Entscheidungen muss man fällen, bevor man sich überhaupt hallo gesagt hat!

Es ist nicht so, dass ich Umarmungen nicht schätzen würde. Aber ich hasse die Verlegenheitsumarmung. Das ist schlimmer als gar keine Umarmung. Wenn schon, dann richtig, aber darüber möchte ich eigentlich gar nicht nachdenken müssen.

Champions der Männerumarmung, also Politiker, Sportler, Schüler im Zwischenjahr und Reality-TV-Stars, werden sagen, es sei gut, dadurch Gefühle auszudrücken, das sei fortschrittlich.

Sie beachten nicht, dass eine Umarmung Ungleichheiten sogar betont. Ich bin etwas unter 1.80, nicht klein, aber auch nicht gross. Viele Männer sind heute fast 1.90 gross und es gibt nichts Seltsameres, als die Taille des anderen zu umfassen, während dieser deine Schultern umarmt. Man fühlt sich wie ein Liliputaner.

Wiedermal ist Tony Blair Schuld

Ebenso komisch ist es, wenn jemand etwas fülliger ist. Ich fühle mich dann wie ein Kind im Disneyland, das eine als dicke Comicfigur verkleidete Person umarmt.

Wie für fast alles mache ich Tony Blair auch für diesen Missstand verantwortlich. Voreilig versuchte er, sich von allem Verstaubten zu verabschieden und übersah, wie hilfreich die über Jahre geprüften Gewohnheiten eigentlich sind. Das ist wie Saddam stürzen und keinen Plan haben, wie es weitergeht.

Frauen haben es einfacher. Sie küssen sich immer, ob es sich nun um beste Freunde oder Fremde handelt. Und wenn sie auf Männer treffen, ist es wie beim Tanzen: Sie lässt sich führen. Persönlich würde ich aber auch hier zum Händeschütteln zurückkehren. Es kann für Frauen unmöglich angenehm sein, ständig irgendwelche Gesichter ins Gesicht gedrückt zu kriegen, alle diese Bärte, Ausschläge und sonstigen hygienischen Risiken.

Grauenhafter Eiertanz

Jemand sollte die Form der Begrüssung ein für alle mal regeln. Mein Vorschlag wäre, auf alle Männer-Umarmungen zu verzichten ausser bei Familienmitgliedern – und das schnelle und freundliche Händeschütteln wieder einzuführen. Kein Griff an den Oberarm, kein Abklatschen, ausser man ist tatsächlich Rapper.

Bis dahin wird man jeden Tag in der Ungewissheit leben müssen, ob man zu verklemmt oder zu übermütig rüberkommt.

Meine eigene Strategie, falls es irgendwie geht: ein munteres, kurzes Winken. Ein Freund von mir nickt mit dem Kopf Buddhisten-mässig und macht dazu eine Namaste-Handbewegung. Eines ist sicher: Es ist Zeit, diesen grauenhaften Eiertanz zu beenden.

(Übersetzung: B&C)