Der fabelhafte
Jerry Perenchio

In Amerika wird derzeit das teuerste Haus der Geschichte feilgeboten. Noch faszinierender als die sagenumwobene 350-Millionen-Villa ist die Biografie des öffentlichkeitsscheuen Eigentümers Jerry Perenchio. Er entdeckte Elton John, organisierte den «Kampf des Jahrhunderts» zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier, produzierte «Blade Runner» und war Besitzer des grössten spanischsprachigen Fernsehsenders der USA.

Von Benjamin Bögli

Nur ganz kurz trat Jerry Perenchio ins Rampenlicht. 2014, als er seine Kunstsammlung mit Werken von Picasso, Monet und Manet im Wert von 500 Millionen Dollar dem Los Angeles County Museum of Art vermachte. Die Kunstwelt hielt den Atem an. Drei Jahre später, im Mai dieses Jahres, starb der 86-jährige Milliardär an Lungenkrebs. Sein Tod sorgte für wenig Schlagzeilen. Umso mehr aber Perenchios Villa, die seit ein paar Tagen zum Verkauf angeboten wird.

Der Gärtner kommt aus Versailles: Perenchios 350-Millionen-Villa in Bel Air, Los Angeles (Bild: «Variety».)

Es sei das teuerste Haus, das je in Amerika auf den Markt kam, heisst es. Das Anwesen in Los Angeles, das sich zwischen dem Sunset Boulevard und dem Mullholland Drive im gediegenen Bel-Air-Quartier hinter Beverly Hills befindet, umfasst rund 40 000 Quadratmeter, davon sind knapp 2500 Wohnfläche. Sagenhafte 350 Millionen Dollar kostet es. Das ist beinahe das 30-fache dessen, was Perenchio für die berühmte, in den 30er Jahren erbaute Liegenschaft 1986 zahlte.

Wenn Perenchio etwas anfasste, wurde es offenbar zu Gold.

«Mut eines Löwen»

Seine unternehmerische Karriere im Sport-, Medien- und Showgeschäft ist beispiellos. Ebenso einzigartig war die Öffentlichkeitsscheu des ehemaligen Kampfpiloten – und das Mitten im Glamour-Hauptquartier der Welt. Wir schildern hier kurz die spektakulärsten Ereignisse seiner Laufbahn:

  • 1970 verhalf Perenchio, der damals eine Künstler-Agentur führte, dem noch unbekannten Elton John in den USA zum Durchbruch. Weil er von Johns Album dermassen begeistert war, buchte er den Briten gleich zwei Wochen lang im Troubadour-Club in Los Angeles. Elton John sagt, diese Auftritte hätten seine Weltkarriere ins Rollen gebracht.

    Cleveres Bezahl-Public-Viewing: Joe Frazier vs. Muhammad Ali für 20 Dollar.
  • 1971 versprach er für ein Duell zwischen den beiden Boxern Muhammad Ali und Joe Frazier ein Preisgeld von 5 Millionen Dollar. Das hatte es noch nie gegeben. Er finanzierte es clever durch eine Art Bezahl-Public-Viewing: Perenchio liess den «Kampf des Jahrhunderts» an ausgewählten Veranstaltungsorten im ganzen Land live übertragen und verkaufte die Tickets dazu für 20 Dollar pro Stück. 1,5 Millionen gingen weg. Man rechne.
  • 1973 organisierte er mit genialem Riecher für den Zeitgeist die «Battle of the Sexes», den legendären Tennismatch zwischen dem ehemaligen Wimbledon-Sieger Bobby Riggs und der Tennisspielerin Billie Jean King. Machotum vs. Frauenemanzipation. Billie Jean King gewann.
  • 1981 kaufte Perenchio zusammen mit seinem Geschäftspartner Norman Lear ein zweitklassiges Filmstudio (Avco Embassy Picture Corp.) für 25 Millionen Dollar. Vier Jahre später verkaufte er es für sage und schreibe 485 Millionen an Coca Cola. Der Video-Boom hatte den Wert des Studios, das früh auf VHS setzte, durch die Decke schiessen lassen.

Und es kommt noch gigantischer.

  • 2007 verkaufte er Univision, das grösste spanischsprachige Fernsehunternehmen der USA, das er 14 Jahre lang führte und erfolgreich machte, für 13,5 Milliarden an den Investor Haim Saban.

Kurze Zeit lang war Perenchio, dessen Grosseltern im 19. Jahrhundert von Norditalien in die USA einwanderten, auch Besitzer der ältesten amerikanischen Kino-Kette Loews. 1982 produzierte er, wie nebenbei, den Popkultur-Meilenstein «Blade Runner», 1989 den Oscar-Gewinner «Driving Miss Daisy».

Genialer Riecher für den Zeitgeist: Perenchio (l.), Musiker Pharrell Williams, Schauspielerin Anjilica Houston, 2014. (Bild: Tiffany Rose / WireImage)

Popstar Andy Williams sagte einmal über Jerry Perenchio: «Lange glaubte ich, er habe einfach Glück. Doch wie ist es möglich, dass jemand eine nie endende Glückssträhne hat? Schliesslich begriff ich: Es war nicht Glück, er war einfach klug.» Warner-Bros-Chef Alan Horn erklärte Perenchios Erfolg so: «Jerry hat ein hervorragendes Näschen, hervorragende Instinkte und er hat den Mut eines Löwen.»

Seine eisernen Regeln

Berüchtigt sind Perenchios zwanzig «Rules of the Road» – sein Erfolgsrezept, sein Kompass in der Geschäftswelt – an die er sich eisern hielt und die jeder, der für ihn arbeitete, kenne musste. Die interessantesten:

  • Keine Vetternwirtschaft, stelle keine Freunde ein.
  • Stelle niemanden zweimal ein.
  • Stelle Leute an, die klüger und besser sind als du. Gib ihnen Verantwortung. Dein Job wird dadurch einfacher.
  • Wähle aus. Lasse den anderen keine Wahl.
  • Vertraue deinen Instinkten und dem gesunden Menschenverstand. Entscheidest du dich dagegen, bereust du es eigentlich immer.
  • Ziehe dich jeden Tag so an, dass du in der obersten Liga spielen kannst. Think big.
  • Schiebe keine Probleme vor dich hin. Pack sie an und löse sie.
  • Ein lockeres Mundwerk richtet grossen Schaden an.
  • Hohes Selbstvertrauen, nie arrogant.
  • Eine wahre Führungskraft ist zugänglich – kein Job zu gross, kein Job zu klein.
  • Gib zu, wenn du einen Fehler machst. Mache einfach nicht zu viele.
  • Nimm immer den anspruchsvolleren Weg. Sei hart, aber fair und verliere nie den Humor.

An einen seiner Leitsätze hielt sich Perenchio, der ein guter Freund von Ronald Reagan war, ganz besonders: «Halte dich von der Presse fern. Keine Interviews, keine Diskussionsrunden, keine Reden, keine Kommentare. Stehe nicht im Rampenlicht. Dein Anzug verbleicht nur.»

Fernsehinterviews gab Perenchio nie, bei unserer Recherche stiessen wir auf ein einziges Gespräch mit der «Los Angeles Times». Das war 1981. Im Land der grossen Selbstdarsteller ist eine solche Zurückhaltung unüblich.

30 Jahre lang dasselbe Bild: Milliardär Perenchino (ANL/REX/Shutterstock)

Weil er bis 2014 keinen Fototermin erlaubte, veröffentlichte die «Los Angeles Times», seit 1982 immer dasselbe Bild, wenn sie über den Medien-Mogul berichtete. Dies habe ihn amüsiert, sagen Leute, die ihm nahe standen.