Der sonderbare
Nolan-Fall

Der Bruder von «Dunkirk»-Regisseur Christopher Nolan sieht sich seit Jahren mit Anschuldigungen konfrontiert, bei denen es um Auftragsmord geht.

Von Benjamin Bögli

Matthew Nolan sass schon in Untersuchungshaft und wurde wegen eines geplanten Gefängnisausbruchs verurteilt. Der Hölle konnte er aber entkommen. Bisher. Die Behörden von Costa Rica glauben nämlich, Nolan habe einen Auftragsmord begangen. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Matthew Nolan ist der ältere Bruder von Chris Nolan, dem derzeit wohl gefragtesten Regisseur der Welt und dem Drehbuchautor Jonathan Nolan. Matthew arbeitet nicht in Hollywood, seine Biografie hätte aber durchaus Potenzial für einen Nolan-Thriller.

Belastende Videoaufzeichnung

Wie seine beiden Brüder wuchs er in privilegierten Verhältnissen zwischen England, wo die Nolans herkommen, und Amerika auf. Sie besuchten alle die noble Haileybury-Schule in Hertfordshire. Matthew Nolan stieg später ins Immobiliengeschäft ein und heiratete in Chicago eine Amerikanerin.

Fahndungsfoto von Matthew Nolan, 2005, der sich auch als McCall und Oppenheimer ausgab. (Bild: «Mail Online»).

Während seine Brüder mit Filmen wie «Memento», «The Dark Knight» oder zuletzt «Dunkirk» stets höher in den Hollywood-Himmel stiegen, zog es Matthew, 47, immer tiefer in einen obskuren Kriminalfall hinein, bei dem schliesslich jemand sein Leben lassen musste: Am 10. März 2005 fand ein Fischer im Chirripo River in Costa Rica die Leiche des 63-jährigen amerikanischen Buchhalters Robert Cohen, der offenbar gefoltert wurde und an seinen Verletzungen starb. Das letzte Mal lebend gesehen wurde Cohen am 6. März in Begleitung von Matthew Nolan. Es gibt eine Videoaufzeichnung, die zeigt, wie die beiden Männer in einen weissen Toyota 4Runner steigen. So steht es in einem schriftlichen Begehren der costa-ricanischen Behörden an die Amerikaner. Das zentralamerikanische Land fordert seit geraumer Zeit die Auslieferung Nolans, der kurz nach dem Leichenfund wieder in die USA zurückgekehrt war. Damals, 2005, ging auch ein internationaler Haftbefehl gegen Nolan raus.

Was war passiert?

Verschiedene Medien, unter andrem die britische «Times», schilderten nach Einsicht ins costa-ricanischen Auslieferungsgesuch und in die amerikanischen Gerichtsakten die Ereignisse wie folgt: Das spätere Opfer, Robert Cohen, war der Buchhalter des Millionärs und Edelsteinhändlers Scott Miller* aus Florida. Diesem waren sieben Millionen Dollar abhanden gekommen. Sein Verdacht fiel auf Cohen, obwohl es Hinweise gab, dass Cohens costa-ricanischer Geschäftspartner, Mario Quintana, das Geld gestohlen hatte. Quintana wurde 2004 erschossen aufgefunden, angeblich handelte es sich um Selbstmord. Cohen, dem es aussichtslos schien, die verschwundenen Millionen aufzuspüren, kriegte es mit der Angst zu tun. Gemäss der Akte sagte er, dass Miller «fähig ist, mein Leben in Gefahr zu bringen … falls mir irgendwas zustossen sollte: Herr Miller wird dafür verantwortlich sein.»

Falsche Identität

Offenbar brachte Miller damals Matthew Nolan ins Spiel, der das fehlende Geld hätte wiederbeschaffen sollen. Nolan sei damals als «Auftragskiller» in ihr Land gereist, heisst es von offizieller Seite Costa Ricas. Diese hat eine genaue Ahnung davon, wie sich die Dinge Anfang März 2005 in Costa Rica zugetragen haben sollen. Und zwar wie folgt: Nolan traf Buchhalter Cohen und stellte sich als Spross der berühmten Diamanten-Dynastie Oppenheimer vor. (Dafür gibt es Beweise.) Er machte auch Bekanntschaft mit dem Hotel-Angestellten Luis Alonso Douglas Mejia, der in Costa Rica 2007 wegen Kidnapping und dieses Mordes verurteilt wurde.

No Comment: Hollywood-Brüder Chris und Jonathan Nolan. (Bild: Eric Charbonneau)

Mejia habe Cohen mit dem weissen Toyota in eine Hütte gefahren und dort gefangen gehalten. Kurz nach der Entführung sei Nolan zuerst nach Houston, dann nach Paris, New York, Miami und am 9. März wieder nach Costa Rica geflogen. (Das FBI vermutet, Cohen habe Zeit gewinnen wollen und Nolan falsche Angaben zum Versteck der sieben Millionen gemacht.) Danach sei Nolan in der Hütte aufgetaucht und habe Cohen im Beisein von Mejia gefoltert, getötet und sei dann nach Amerika zurückgeflogen. Die sieben Millionen blieben verschwunden.

In finanziellen Nöten

Die sprichwörtliche smoking gun fehlte allerdings: Die amerikanische Justiz kam dem Auslieferungsgesuch aus Mangel an Beweisen bisher nicht nach. Einzig wegen Urkundenfälschung hätte Nolan weiterverfolgt werden können, Costa Rica liess diese Anklage aber fallen.

Die Anschuldigungen sind happig und klingen abenteuerlich: Warum sollte sich der Immobilienunternehmer Nolan als Auftragskiller anheuern lassen?

Nolan scheint kein Unschuldslamm zu sein, so viel ist klar. Aber Mord? Tatsache ist, dass Nolan in finanziellen Nöten war. Dies veranlasste ihn möglicherweise dazu, mit dubiosen Figuren wie Scott Miller (der in den 80er Jahren wegen Drogenschmuggels vier Jahre im Gefängnis sass) Geschäfte zu machen.

Einem guten Bekannten erzählte Nolan 2006, er sei im britischen Nachrichtendienst dazu ausgebildet worden, Geld von Offshore-Konten sicherzustellen. Edelsteinhändler Scott Miller aus Florida gehöre zu seinen Kunden. Es sei bloss noch eine Frage der Zeit, bis er rund 100 Millionen Dollar eintreiben werde, 40 Prozent davon gehörten ihm. Auszuschliessen ist das nicht. Es kann sein, dass Nolan tatsächlich die Absicht hatte, so an das grosse Geld zu kommen.

Filmreifer Ausbruchsplan

Die Fähigkeiten dazu fehlten ihm aber. 2009 ging er mit 2,2 Millionen Dollar Schulden in Konkurs. Nolan musste deshalb in Chicago vor Gericht erscheinen. Beim Verlassen des Gerichtsgebäudes wurde er prompt von der Polizei abgefangen und verhaftet. Der Costa-Rica-Fall hatte ihn eingeholt. Vier Jahre lang ging Nolan unter dem Radar der Fahnder durch. Jetzt erwischten sie ihn, weil sie wegen des offiziellen Konkurstermins genau wussten, wann er wo war. Im Zusammenhang mit dem Auslieferungsgesuch kam Nolan nun in Untersuchungshaft.

Jetzt packte ihn die Angst, in Costa Rica wegen Mordes angeklagt zu werden. Einem nicht genannten Freund schrieb Nolan: «Du siehst das richtig. Wenn sie mich in den Süden runterbringen, komme ich nie mehr zurück.»

Fast schon filmreif plante er daraufhin einen Ausbruch: Die Wärter des Chicagoer Gefängnisses fanden eines Tages ein aus Bettlaken geknotetes, rund zehn Meter langes Seil, einen Klettergurt, eine Rasierklinge und Büroklammern, die dafür vorgesehen waren, Handschellen zu öffnen.

Wegen des geplanten Fluchtversuchs und Behinderung der Ermittlungen wurde Nolan verurteilt. Aus der Untersuchungshaft entliess man ihn aber bereits 2010 wieder. Seither ist Matthew Nolan auf freiem Fuss. Seine beiden Hollywood-Brüder Christopher und Jonathan sagen nichts zum sonderbaren Fall und auch Matthew hat sich seit 2010 nicht mehr dazu geäussert, er hat bloss immer wieder seine Unschuld beteuert.

Nur die Behörden von Costa Rica lassen nicht locker. Zuletzt liessen sie 2014 in der britischen «Mail on Sunday» verlauten, dass der Fall immer noch «aktiv» sei und sie Nolan vor Gericht ziehen wollen.

* Namen geändert.