Der Mann, der die DDR zur Party machte

Wie Ralf Heckel mit einem zufälligen Fund im Dachstock eines Thüringer Rathauses die gigantische «Ostalgie»-Welle auslöste.

Auf seinem Höhepunkt bewegte der Kult Millionen. Zuvor reichten bereits 300 Personen für Schlagzeilen. Ganz am Anfang stand einer: Ralf Heckel.

Unternehmer Heckel, heute (Bild: Ralf Heckel)

Nach dem Mauerfall spendete er den ungeliebten Ostdeutschen ein bisschen Trost, indem er in die noch nicht ganz verstaubte Mottenkiste griff. Heckel veranstaltete zwischen 1993 und 1999 die sogenannten Ostalgie-Partys, dekoriert mit Memorabilien des Sozialismus, inklusive 3,50 m hoher Lenin-Statue und Erich-Honecker-Doppelgänger. Die Besucher kamen in FDJ-Hemden oder in Uniformen der Roten Armee. Es wurde Rotkäppchen-Sekt ausgeschenkt und Amiga-Platten gespielt.

Auf die Idee kam Heckel, der nach der Wende international im Musikgeschäft Karriere machte, als er, zurück in seiner Ostdeutschen Heimatstadt Nordhausen, auf dem Dachboden des Rathauses auf haufenweise DDR-Gegenstände stiess. Ein Bekannter, der seinen Job als Lehrer verloren hatte, arbeitete dort als Hausmeister und gab ihm den Tipp. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion fuhr Heckel mit einem gemieteten Kleinbus vor, nahm einen Teil des DDR-Plunders mit und schmückte damit seine erste Ossi-Fete.

«Ossi war damals ein Schimpfwort»: Party-Plakat von 1997. (Bild: Stiftung Haus der Geschichte; EB-Nr. 2005/04/0206)

«Der Begriff Ossi war damals ein Schimpfwort», sagte Heckel im ZDF, «man hätte auch Arschloch sagen können […] und da habe ich mir gesagt: ok, diesen Begriff nimmst du dir jetzt vor und den wandelst du in einen guten oder genugtuenden Begriff.» Heckel traf den Zeitgeist haargenau.

Die Ostalgie-Partys wurden ein Hit und sorgten – zumindest im Osten – auf unerwartete Weise für das Wiederaufleben des sozialistischen Lebensgefühls: Plötzlich waren die totgesagten Marken aus Ostdeutschland wieder gefragt, die Bäckereien in Ostberlin buken ihre Brötchen wieder nach DDR-Rezept. Ralf Heckel half mit, den belächelten Ostdeutschen in einer lähmenden Zeit etwas Halt zu geben – Kritiker sahen darin eine Verherrlichung des Kommunismus. Zu Beginn berichteten bloss die Regionalzeitungen eifrig über die Anlässe («300 Menschen strömen zur Ossi-Party nach Grüna», «Sächsische Zeitung»), bald sprang auch die «Bild»-Zeitung auf den Ost-Zug auf («Lenin zurück in Halle»).

Heckel löste mit seinen DDR-Partys, die zunehmend auch bei Westlern anklang fanden, eine regelrechte «Ostalgie»-Welle aus. Den Höhepunkt erreichte diese 2003 mit «Good Bye Lenin!», einem der erfolgreichsten deutschen Filme der Geschichte.

Heckels letzte offizielle Ostalgie-Party fand 1999 statt. Der umtriebige Macher hat sich seither in verschiedenen Geschäftsfeldern betätigt. Unter anderem gründete Heckel in Leipzig ein Institut für Raumfahrtbildung.

(B&C)