Wie geht Thriller?
Ein Glas Champagner,
Eier und Speck

Ein paar kurze, erhellende Einblicke ins Wesen des Thrillers und Informationen zum Ursprung und zum Durchbruch von James Bond und Co.

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So grandios malten die berühmtesten Künstler als Kind

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Zauberhaft:
Der animierte
Van Gogh (Video)

Als ob Van Goghs Gemälde laufen gelernt hätten: Dieser Kinofilm schaut traumhaft aus.

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«Die Ehe ist
das Grab der Liebe»

Hier spricht der Profi: 11 Liebestipps von Casanova.

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Spielberg der Literatur

Es ist eine kleine Sensation: Der erste Roman des erfolgreichsten Schweizer Schriftstellers, Joël Dicker, wird zur 10-teiligen Hollywood-Serie. Was hat Dicker, was andere nicht haben?

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Das Kunstwerk
des Hollywood-Stars,
der 9/11 voraussah

Ein Galerist behauptet, auf einem Gemälde von Anthony Quinn aus dem Jahr 1985 sei der Terror von 9/11 zu sehen. Tatsächlich erinnert das Bild auf gespenstische Weise an die Anschläge.

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Nackt in der kühlen Morgenluft

Woody Allen duscht 45 Minuten lang, Schiller hatte immer faule Äpfel in der Schublade. Die sonderbaren Rituale berühmter Personen.

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Tennis-Held McEnroe gibt Kunst-Gott Warhol Saures

«Warhol und seine Kamera nervten»: Wie Andy Warhol  John McEnroe beim Anbandeln störte.

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In drei Minuten zum «Nighthawks»-Angeber

Weil es immer gut ankommt, wenn man ein bisschen etwas über berühmte Kunst weiss.

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Wer liest was?
Von Freud bis Rooney

Wir haben die Lieblingsbücher von einflussreichen Personen zusammengetragen. Ein Werk sticht besonders heraus: Es beglückte Putin, Stalin, Merkel und den Papst gleichermassen.

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Weshalb die CIA die verhasste moderne Kunst heimlich förderte

Ein hochinteressantes Stück Kunstgeschichte, das man kaum für möglich hält.

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«Frankreich ist der einzige Ort, wo man am Nachmittag Liebe machen kann, ohne dass ...»

Bardot, Balzac, Tolstoi, Tarantino: Aus aktuellem Anlass haben wir für Euch 20 unwiderstehliche Zitate aus der Kulturgeschichte über unsere geliebten französischen Nachbarn zusammengetragen.

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«Eine Flasche Wein und Apple-TV»

Was ist bloss mit Skandal-Autor Bret Easton Ellis los?

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Warum ausgerechnet «Mona Lisa»?

Wir haben den Da-Vinci-Code geknackt und erklären, weshalb die «Mona Lisa» das berühmteste Kunstwerk der Welt ist.

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Dieses Sandwich hat keine Mayonnaise

«Fänger im Roggen»-Fans aufgepasst: Holden Caulfield hatte ein Vorleben!

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Der perfekte Roman

Ist die Qualität von Weltliteratur messbar? In welcher Liga spielen unterhaltsame Bestseller? Was macht den Zauber des genialen Buches aus?

Antworten von Dr. Alexander Nebrig

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Die Nacht
der scharfen Messer

Sie gilt als eine der berühmtesten Dinner-Partys der Welt.
Der gefeierte Schriftsteller Norman Mailer lud in sein
Apartment. Ein Grossteil der New Yorker High Society
versammelte sich an diesem Abend. Bis etwas Grausames
geschah.

Eine freie Nacherzählung von Tom Kummer

Es ist 1960.  Mrs. Mailer kommt im schwarzen Lincoln. Sie trägt ein zerrissenes, blutverschmiertes Samtkleid. Sie steigt hastig aus. Sie stolpert und atmet schwer. Ihre Hand bedeckt die rechte Brust. Sie rennt vorgebeugt. Sie blickt verängstigt -zurück. Dann gleitet der Fahrer im Lincoln unerkannt davon.

* * *

Es ist Sonntagmorgen in New York, 20. November 1960, 5.10 Uhr. Mrs. Mailer schleppt sich vor die Notfallstation des University Hospital an der 20th Street. Dort bricht sie zusammen. Der verantwortliche Notfallarzt bestätigt gegenüber der Polizei: Adele Morales Mailer, 37, sei angeblich in ihrem Apartment an der West 94th Street auf zerbrochenes Glas gestürzt und habe sich dabei verletzt. Niemand glaubt ihr diese Geschichte.

* * *

Alles beginnt am Samstagabend, 19. November 1960, 6.00 PM: An der 250 West 94th Street treffen die ersten Party-gäste vor einem zwölfstöckigen Mehrfamilienhaus ein. Das -Zuhause der Mailers an der Upper West Side liegt gut zehn Strassen von Harlem entfernt und gilt als anrüchig.

Adele Mailer steht im Schlafzimmer und betrachtet sich im Spiegel. Sie trinkt ihren vierten Gin auf Eis. Sie wirkt konzentriert, ein bisschen verängstigt. Aber genau dieser Zustand mag ihr Mann Norman Mailer.

* * *

Sie weiss, was ihr heute Abend wieder droht. Die Freunde von Norman sind ihr geistig weit überlegen. Sie sei abhängig von ihrem Mann, -sagen alle. Es heisst, sie sei eine heisse Nummer im Bett. Wenn sie redet, hört niemand genau hin. Sie ist gut dressiert von ihrem Mann, dem Autor des wichtigsten amerikanischen Nachkriegsromans, «Die Nackten und die Toten». Ein Mann mit giftig charmanten Augen.

Adele wird sich heute Abend also wieder bis zur Besinnungslosigkeit betrinken. Vor der Hausnummer 250 fahren jetzt Limousinen vor und laden -Partygäste aus. Der Schauspieler Montgomery Clift entsteigt einem schwarzen Lincoln. Er ist in Begleitung eines unbekannten Jünglings. Lee Radziwill, die jüngere Schwester der späteren Jacqueline Kennedy Onassis, ist auch gekommen.

* * *

Dann fährt ein gewöhnliches gelbes Taxi vor. Truman Ca-pote steigt aus, begleitet von Gloria Vanderbilt und Pearl Bailey. Capote trägt einen bunten Karoanzug. Schrecklich. Später stösst aus einer Seitenstrasse der Künstler Jasper Johns dazu. Er nahm die Untergrundbahn bis zur 96th Street und wird seither von einem leichten Mädchen begleitet.  Paparazzi sind noch keine zu erkennen. Womöglich ist ihnen die Gegend zu gefährlich, die Veranstaltung zu undurchsichtig. Die Strassen werden hier von Drogendealern, Trickbetrügern und Schleppern beherrscht.

Die U-Bahn-Station an der West 96th Street wird von Zuhältern als Operationsbasis genutzt. Mädchen werden dort zum Gruppensex angeboten – eine damals beliebte Freizeitbeschäftigtung der intellektuellen Boheme von New York. Dazu gehören auch Mr. and Mrs. Mailer.

* * *

Zum Empfang der Gäste steht jetzt Mailers Freund George Plimpton kettenrauchend am Haupteinang #250. Er wird von einer Bande Partygäste ohne Einladung bedrängt. Die meisten sind einem Gerücht namens «free drugs» gefolgt, das an der Lower East Side rasch die Runden machte. Plimpton – Journalist, Fotograf, Dandy und Mailers Networker – sieht in seinem angeschmutzten blau-weiss gestreiften Sommeranzug wie ein Student vom New York City College aus.

Ihm verdankt Mailer die Idee zu dieser Fundraiser-Party: Es geht um Mailers Kandidatur für den Posten des New Yorker Bürgermeisters. Kunstmäzene und die reichen Liberalen sollen den Starautor als ihren «Spitzenkandidaten» abfeiern – und Geld spenden. Plimpton will für Norman Mailer eine Art «Power-Struktur» aufbauen und seine Mission als Stimme einer «neuen amerikanischen Linken» mit Spenden segnen. Mailers Erwartungen sind hoch: Mindestens einen Rockefeller möchte er schon empfangen.

* * *

Doch es sieht nicht gut aus. Was sich nach zwei Stunden in der Wohnung der Mailers versammelt, ist kein zahlungswilliger Geldadel – eher ein Who’s who des glamoursüchtigen New Yorker Jetsets, Leute ohne feste Hautfarbe, ohne bestimmte Berufung, darunter Künstler, Musiker, Intellektuelle, Vertreter des «Cool». William S. Burroughs und Chet Baker sind gekommen. Sie kennen sich aus mit dem Thema der Zeit: Reduktionismus ist angesagt, Emotionalität dimmen, Abkühlung als Künstlerpose. Andy Warhol ist auch da.

Er ist mit zwei jungen Frauen in Coco-Chanel-Kleidchen erschienen, die sich jetzt mit Joints und Gin anfixen lassen. Die meisten weiblichen Partygäste sehen aus wie Spielzeug der Männer, Sklavinnen der Kunst-Snobs, kettenrauchend, sprachlos, betäubt.  Mailer ist nervös, er trinkt noch ein bisschen mehr als sonst.

Etwas stimmt nicht. Die Menschenansammlung in seiner Wohnung und vor dem Hauseingang wird immer grösser. Aber keine Rockefellers. Gruppen aus bärtigen Beat-niks sind angekommen. Mit Mädchen aus reichen New Yorker Familien, womöglich ausgerissen, im schludrigen Audrey-Hepburn-Stil. Werbeleute aus der Madison Avenue in perfekt sitzenden Anzügen und andere Szeneparasiten warten auf Einlass – darunter ein Gesellschaftsreporter der «New York Times».

* * *

Die Lage ist undurchsichtig. Streifenwagen der Polizei sind vorgefahren. In der Eingangshalle
und an der Fassade sind Kritzeleien aufgetaucht, die wie primitive Malereien von Pygmäen aussehen und später als Werke «Robert Rauschenberg» identifiziert werden. Von den Fenstern im zwölften Stock dringt ein Wahnsinnslärm in die 94th Street, Ecke Broadway. Die Diskussionen sind heftig und aggressiv.

In der Küche sitzt der intellektuelle Snob Norman Podhoretz und streitet mit Kunstkritiker Clement Greenberg. Adele Morales Mailer hält sich währenddessen an ihrem Drink fest und schweigt.  Der lauteste Mensch ist jedoch wie immer der Gastgeber. Gerade starrt Norman Mailer gebannt auf den Fernseher, ein unscharfes Bild zeigt John F. Kennedy, den frisch gewählten US-Präsidenten.

* * *

Es wird plötzlich ganz still. Im Hintergrund ertönt irgendwas von Miles Davis. Adele Mailer wundert sich über die Stille, sie kichert, sie raucht einen weiteren Joint, trinkt Gin aus einem grossen Zahnglas und zieht sich ins Badezimmer zurück.  Alle warten auf die nächste Einlage von Mailer, vielleicht eine Hasstirade gegen Nixon?   Im abgedunkelten Teil der Wohnung sitzt Chet Baker versunken in einem Ledersofa. Er trägt einen tadellosen Anzug und Schlangenlederstiefel. Er ist umringt von seinem Dealer und zwei schwarzen Mädchen.

* * *

Niemand kommt an die Aura von Chet Baker und seine Entourage heran. Es sind die Junkie-Ikonen des neuen Jahrzehnts: Sie konsumieren Drogen als kalkulierte Geste des Cool. Sie tragen ihre Anzüge, als ob sie hinterm Anzug verschwinden wollten. William S. Burroughs nennt es damals das «fading out» der Identität, für die er gerade neue literarische Formen sucht.  Mailer hasst Dandys wie Burroughs, Warhol oder Chet Baker.

* * *

Er nennt sie Weicheier, er hält sie für impotent. Aber er braucht sie in diesen Tagen für seine politischen Provokationen.   9.45: Die meisten Gäste sind jetzt angetrunken oder stoned. Einige haben sie quer über die Polstermöbel gelegt oder sitzen im Schneidersitz auf dem Boden. Norman Mailer ignoriert alles, spaziert mit einem Scotchglas wie ein hungriges Raubtier durch seine Räume. Er referiert gerade wie ein Besessener über die tiefere Bedeutung des Boxens. Der damals noch unbekannte Andy Warhol wird später aussagen: Sein Kopf sei gefährlich rot angelaufen – als ob er wie eine Koksbombe gleich explodieren würde. Mailer schwingt jetzt seine Fäuste und redet von Boxern, die durch den Schmerz hindurchgehen müssen, um zu triumphieren. Natürlich meint er sich selbst. Er spricht von Eingeweiden, die beim Boxen und Schreiben zerfleischt werden.

Gloria Vanderbilt bekommt jetzt einen Schreianfall. Sie fürchtet sich vor Mailer, besonders wenn seine Adern am Hals aufschwellen, das Spucken und Geifern losgeht und er mit seinen Fäusten um sich schlägt. Der total bekiffte Truman Capote nimmt Gloria jetzt an der Hand und verlässt den Raum. Glaubt man den Er-zählungen von Andy Warhol, dann wird Mailer in jenem -Augenblick erstmals mit einem Küchenmesser gesichtet. Er habe mit der Klinge vor seinen Gästen herumgefuchtelt, während er immer wieder geschrien haben soll: «Jede Begabung muss sich kämpfend entfalten! Kämpfend! Kämpfend! Kämpfend!» Es ist ein Zitat von Friedrich Nietzsche.

* * *

10.30: Adele sitzt jetzt im hinteren Teil der Wohnung und schmust mit Montgomery Clift. Mailer torkelt heran, prostet seiner Frau lässig zu, als träume er bereits von Gruppensex mit dem heissesten Hollywoodstar der Gegenwart. Montgomery Clift hat sich zwar unter Insidern längst als schwul geoutet, bloss Hollywood will nichts davon wissen. Gerade hat er den John-Houston-Film «The Misfits» mit Marilyn Monroe und Clark Gable abgedreht.

Norman hämmert ihn mit Fragen zum sensationellen Ehekrach zwischen Arthur Miller und Marilyn Monroe. Das Drama entfaltete sich in den vergangenen Wochen während der Dreharbeiten in der Wüste von Nevada.

Doch Monty schweigt. Unter der New Yorker Boheme will er entspannen, seinem Hollywoodstar-Dasein für einige Stunden entfliehen. Adele beugt sich jetzt wieder über ihn, greift mit der Hand zwischen seine Beine. Mailer lacht.

Mitternacht. Mailers wichtiger Vasalle taucht auf. Es ist der Literaturkritiker Gilbert Millstein. Die Lage verschärft sich. Der Mann hat Jack Kerouacs «On the Road» zum Meisterwerk hochgeschrieben und damit die Karriere vieler Beatnik-Autoren lanciert.

* * *

Genauso hatte er kürzlich Mailers Essayband «The White Negro», der von den meisten Kritikern eher lauwarm aufgenommen wurde, zum literarisch-journalistischen Glanzstück erklärt.  Millstein setzt sich sofort müde auf den Boden – sämtliche Sessel und Liegen sind besetzt. Er legt seinen Kopf zurück, bläst Rauchringe Richtung Fenster und betrachtet sie amüsiert. Mailer erhoffte sich mehr von seinem Kritiker-Gott: eine verdammte Ansprache, bitte!  Millstein steht auf und spricht Mailer ins Ohr.

Es gebe Probleme draussen auf der Strasse. Die Cops sind nicht zum Spassen gekommen. Mailer lacht ihn bloss aus.   Millstein ist sein wichtigster literarischer Förderer. Immer wieder feierte er Mailer als glamourösen Querdenker und Genie: frei, laut, wild, ehrgeizig bis zum Grössenwahn.

Er hat Mailers Werk mit völlig neuen Begriffen gesegnet: Non-Fiction-Novel, New Journalism, Parajournalism, Literary Journalism. Millsteins Botschaft ist einleuchtend: Jedermann könne ab sofort seine eigene Version der Realität erschaffen – auch sogenannte Journalisten. Trotz des puritanischen Vorwurfs der «kunstvollen Lüge» stellen sich Millstein und die «New York Times» immer wieder hinter Mailer: Im New Journalism gehe es nicht um Fakten, sondern um eine tiefere Wahrheit!

12.30 AM. Der Party droht eine Implosion. Beatniks haben sich Zutritt verschafft und räumen die Whiskey-Vorräte der Mailers auf. Es kommt zu Schlägereien. Norman Mailer lacht – und blutet. Augenzeugen berichten später, Mailer habe seine Freunde Millstein und Plimpton mit Gin abgespritzt und mit einem Baseballschläger bedroht. Niemand schreitet ein.

* * *

1.45 AM: Die Polizei taucht in Mailers Wohnung auf. Es gibt eine Verwarnung wegen Ruhestörung. Mailer wird aggressiver. Ihm wird klar, dass kein Rockefeller mehr auf seiner Party erscheinen wird. Er zieht sich jetzt ein rotes Torero-Hemd über – ein Geschenk seines grossen Vorbilds, Ernest Hemingway. 2.10: Mailer trägt den halluzinierenden James Baldwin ins Badezimmer, um ihn abzuduschen.

Glaubt man Augenzeugen – darunter Lee Radziwill, die damals eine Karriere als Schauspielerin anstrebt und heimlich in Montgomery Clift verliebt ist –, dann erwischt Mailer seine Frau im Badezimmer gerade dabei, wie sie Monty per blow job zu befriedigen versucht.

* * *

3.10 AM: Mailers Party ist ein Reinfall – jedenfalls was das Geldspenden betrifft. Andy Warhol will längst weg. Aber seine Entourage ist in einen Streit mit Robert Rauschenberg und dem Kunstkritiker Clement Greenberg verwickelt. Warhol sitzt melancholisch da, verabscheut alles, besonders jene halbnaiven Beatniks, die jetzt ein Juliette-Gréco-Lied anstimmen. Warhol trägt klassische James-Dean-Pose mit gesenktem Kopf und gesenktem Blick. Mailer beginnt mit einer Hetzrede auf den Literaturbetrieb.

Mailer schreit plötzlich nach seiner Frau. Dann bearbeitet er den scheuen Edward Albee mit Schimpfwörtern. Der 32-jährige Albee, der damals im Greenwich Village lebt und Mailer bewundert, veröffentlicht zwei Jahre später das Drama «Who’s Afraid of Virgina Woolf». Albee wird später als einziger Party-gast gegen Mailer aussagen und ihn vor der Polizei nicht in Schutz nehmen.

* * *

3.20 AM: Gäste, die jetzt noch stehen können, ziehen sich langsam aus der Wohnung zurück. Mailer versucht ihnen den Weg abzuschneiden. Eine seltsame Angst geht unter den Gästen um – wie sehr man den Wüterich auch liebt und bewundert.  Mailer geniesst solche Momente. Alle sollen auf der Hut sein vor dem Berserker, dem literarischen Monster. Besonders seine Frau.  «Adele Morales Mailer!!! Wo steckst du?» -Mailer zerreisst sein spanisches Torero-Hemd und starrt mit wilden, durchgeknallten Augen auf seine langsam abziehenden Fans.

* * *

Es ist 4.30 AM. Norman brüllt Richtung Andy Warhol und seine Entourage. Plötzlich steht Adele vor ihm, unbewegt, in Habachtstellung. Mont-gomery Clift verlässt die Wohnung.

Augenzeugen behaupten, Adele habe dann ihrem Mann eine abschätzige Bewegung mit dem Kopf zugeworfen. Mailer habe darauf ein Taschenmesser gezogen. Die Klinge sei gut sechs Zentimeter lang gewesen. Mit dem Messer stürmt er auf Adele zu. Sie steht bewegungslos vor ihm. Mailer packt ihre Schulter. Er stösst die Klinge einmal in ihre Brust, verfeht dabei das Herz bloss um wenige Zentimeter.

Adele bleibt völlig regungslos stehen, wie eine Puppe. Mailer stösst ihr dann das Messer in den Unterleib und nochmals in den Rücken. Dazu habe er geheult wie ein Wolf.   Adele behauptet später, sie habe das Messer zunächst gar nicht gesehen, auch den ersten Stich nicht gespürt.

Doch dann sieht sie plötzlich das Blut auf ihrem Samtkleid und bricht zusammen. Norman Mailer steht minutenlang über seiner stöhnenden Frau. Dann habe er sie mit den Füssen getreten, behauptet Edward Albee später.

Wer Adele Morales Mailer später aus der Wohnung trägt, ist bis heute nicht bekannt. Auch wer den schwarzen Lincoln zum Spital fährt, werden wir nie erfahren. Zur Vergabe des National Book Award 1968 an Norman Mailer bemerkt die «New York Times»: Seine messerscharf durchdringende Prosa ist erschreckend und in ihrer visionären Wildheit beispiellos ... Adele Morales Mailer wird nie Klage gegen ihren Mann erheben. Im Kreuzverhör der Polizei äussert sie sich nicht zum Tathergang.

Mailers Freunde und Party-gäste schweigen.    Norman Mailer wird wenige Wochen später für 17 Tage in die psy-chiatrische Klinik Bellevue eingeliefert. Er kommt mit einer bedingten Strafe wegen Körperverletzung davon. 1962 reicht er die Scheidung ein. Er stirbt am 10. November 2007.

Die neunzigjährige Adele Morales Mailer lebt heute in relativer Armut in -Manhattan.


Wie wird ein Kunstwerk zum «teuersten aller Zeiten»?

Der vielbeachtete, aber kleine -Kunstmarkt ist – verglichen mit anderen Geschäften – ein süsses Wettrennen der Eitelkeiten.

Von Mark van HuisselingRead more


Das Theater
schafft sich ab

Das Interesse der Regisseure lässt nach, die Texte alter Meister
kongenial umzusetzen. Für die Schauspieler und das Publikum
heisst das: mehr Eintönigkeit, weniger Vielfalt.

Von Max Simonischek 

Theater = A spielt B, und C schaut zu. Diese ein-fache Formel beschreibt Theater schon seit über 2000 Jahren.

Was mich beschäftigt: Spielt A noch B? Setzen sich die Schauspieler und Regisseure ernsthaft und intensiv genug mit der Sprache von Schiller, Kafka oder Horvath auseinander? Sind die Lust und das Interesse im Theater noch vorhanden, das Spiel – wie eine Figur geht, wie sie lacht, wie sie spricht – zu entwickeln?

Leider nein, was mich ärgert. Ein Schiller- oder Shakes-peare-Stück wie «Maria Stuart» oder «Hamlet» wird heute in durchschnittlich sechs Wochen zur Premiere gebracht. Die Zeit zur detaillierten Ausarbeitung der Rolle fehlt. Die Geduld, Charaktere zu formen, ist dem schnellen, ergebnisorientierten -Arbeiten gewichen. Das ist unbegreiflich. Denn schon jede mittelmässige amerikanische TV-Serie führt uns inzwischen vor, wie bereichernd und spannend bis in die kleinste Nebenrolle sorgfältig ausgetüftelte Rollen sein können.

Ich erlebe, dass die Bereitschaft schwindet, sich auf der Bühne mit dem Zeitgeist der Stücke, den Nöten und Chancen der Menschen, deren damaligem Weltbild und Existenz, auseinanderzusetzen. Wo bleibt die Vertiefung in die Vielschichtigkeit der – uns heute fremd gewordenen – Sprache, die eigentliche DNA der Texte?

Wer kann sich heute noch des einzigartigen Versmasses bedienen oder ist sich dessen wenigstens bewusst? Es ist nicht verwegen, anzunehmen, dass sich die alten Meister beim Schreiben etwas gedacht haben. Es könnte sich also durchaus lohnen, ihnen auf die Schliche zu kommen!

Die Vielfalt, die Einzigartigkeit der Stoffe, die im Figurenspiel aufgehen, halten das Theater am Leben. Eintönigkeit schafft es ab. Sich mit dem Ur-Sound der Meister zu befassen, zu lernen, ist aber in Verruf geraten. Zeitgeistige Interpretationen sind angesagt. Jung sein ist gefragt.

Dazu arbeiten Regisseur und Dramaturg mit Tricks.  Sie vermuten, den Zuschauer mit lauter Musik, Schauspielern, die – notfalls nackt – dreimal im Kreis herumrennen, bei der Stange zu halten. Die Nebelmaschine rattert dabei auf Hochtouren.

Ein Irrglaube. Man erreicht dadurch – im besten Fall – schöne Bilder, kurzlebige Effekte und meistens viel Schweiss. Leider nur bei denen, die auf der Bühne stehen.

Und noch eine Strömung droht das Schauspiel zu erdrücken: Statt zuerst nach den Absichten des Schriftstellers zu fragen, setzen die Theater-macher sofort ihre persönlichen Anliegen mit dem Stück ins Verhältnis. Gern wählt man dafür so komplexe Problematiken wie nur möglich, die an einem Theaterabend thematisiert werden sollen.

Ganz oben auf der Beliebtheits-Problemskala rangieren aktuelle, weltpolitische Inhalte, in denen sich alle Beteiligten gar nicht mal so gut auskennen müssen. Nicht kleckern ist das Motto, sondern klotzen. Am besten immer mit anklagender Haltung, am liebsten dem Kapitalismus gegenüber. Denn je ahnungsloser wir und auch das Publikum sind, desto leichter ist es, Zustimmung für Schuldzuweisung zu finden.

Zynischer Anspruch

Das Theater scheint zu einer Problembörse mutiert.

Klar, am liebsten wäre mir auch, wenn ich heute auf der Probebühne den Welthunger stillte, morgen mit einer Lesung den Israel-Palästina-Konflikt löste und durch die beiden Vorstellungen am Wochenende alle Flüchtlinge unterbrächte. Ich finde es geradezu zynisch zu glauben, dass das Theater Antworten auf solche Fragen geben kann.

Was es aber kann, ist eine Parallelwelt schaffen, aus der wir Hoffnung gewinnen, in der wir unsere Grenzen aufgezeigt bekommen, an uns zweifeln dürfen  und aus all dem Nutzen für unser Leben ziehen können. Diese Welten, diese Figuren schaffen wir mit unserer Fantasie, mit unserer Vorstellungskraft und Spielfreude.

Und natürlich auch dank den brillanten Texten der alten Meister.

Der Schauspieler Max Simonischek, geb. 1982 in Berlin, spielt an den renommiertesten deutschsprachigen Bühnen. Zuletzt in der Schweiz spielte er im Zürcher Theater Neumarkt «Der Bau» von Franz -Kafka. Simonischek ist auch in verschiedenen deutschen und Schweizer Spielfilmen («Hindenburg», «Akte Grüninger», «Verdingbub», «Gotthard») zu sehen.